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Sina Eghbalpour im neo-Porträt: Die Mutmacherin

Sina Eghbalpour ist Sport-Inklusionsmanagerin im Stadtsportbund Aachen e.V. und zeigt wie man Hürden überwindet, die Gesellschaft fördert und dabei noch Sportsgeist an den Tag legt. Dabei hält sie sich selbst tunlichst entfernt von Bällen und Sportgeräten aller Art. Das Leben einer starken jungen Frau.

TEXT CHRISTINA RINKENS
FOTOS UPMACHER, ANDREAS STEINDL, LVR UND DOSB

Im Idealfall erlernt der Mensch ein einziges Mal laufen. Mit etwa zwei Jahren zaghafte erste Versuche. Ab und an fällt man dabei auf die Nase, aber verlernen tut man es nie mehr. Sina Eghbalpour hat in ihrem Leben das Laufen schon mehrmals wieder lernen müssen. Etwa 30 Mal in ihrem noch nicht mal 27-jährigen Leben.

Und doch ist die Frau, die einem gegenüber sitzt, aufrechter als so manch anderer Mensch. Sina, wie geht es dir? »Die Lunge nervt, aber sonst geht’s mir sehr gut. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich eigenständig mein Leben führen darf.« Und was für eines.

Sina Eghbalpour lebt Inklusion in ihrer idealen Form. Dass sie im Rollstuhl sitzt, ändert nichts an ihrer aufrechten Art. Das Leben passt sich an sie an, nicht sie sich an das Leben der anderen. Als Inklusionsmanagerin arbeitet sie jetzt daran, dass auch anderen Menschen die Eingliederung in die Gesellschaft leichter fallen kann. Und zeigt, dass Hürden dafür da sind, überwunden zu werden.

Schaff dir deinen Raum

»Für mich war schon immer klar, dass mein Weg mich in die therapeutische und beratende Richtung führen wird, um Menschen mit Behinderung zu unterstützen«, erzählt Sina auf ihre bisherige Karriere angesprochen. So studierte sie nach dem Abitur an der Katholischen Hochschule Soziale Arbeit. Nach dem Masterabschluss in Regelzeit erzählte ihr ihre Professorin, bei der sie als wissenschaftliche Hilfskraft angestellt war, von einem Job als Sport-Inklusionsmanagerin, der doch ideal für sie sei. Inklusionsmanagerin? Ja, perfekt. Aber Halt. Sport? »Ich habe in meinem Leben nie einen Vereinssport ausführen können. Ein Schwimmverein wollte mich nie aufnehmen.« Beworben hat sie sich aber doch. »Gott sei Dank habe ich das gemacht.«

Bei der ausgeschriebenen Stelle handelte es sich um eine Projektstelle des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für zehn Sport-Inklusionsmanager in Sportverbänden und -vereinen bundesweit. Angelegt für zwei Jahre. So kam Sina zum Stadtsportbund Aachen. Die Stellen wurden ausschließlich an Menschen vergeben, die selbst eingeschränkt sind. »Experten in eigener Sache« wurden sie genannt. »Eine tolle Zeit war das, ein super Projekt, riesig angelegt, aber eben nicht nachhaltig.« Was passiert nach den zwei Jahren Vollgas mit Vollzeitjob ohne Perspektive auf Weiterführung? »Die anderen und ich haben immer gesagt: Das ist toll, was ihr da macht, aber ihr spielt auch mit unseren Existenzen.«

Und das wollte Sina so nicht hinnehmen. Wenn sich der Job nicht an einen anpasst, dann muss man sich eben selbst einen Job schaffen. Ein neues, eigenes Projekt. »Mir war einfach aufgefallen, dass in Sportvereinen noch so viel passieren muss, damit Inklusion wirklich funktionieren kann. Und damit meine ich nicht, dass man statt eines Basketballs einen Softball braucht. Sondern: Wie kommt der Mensch überhaupt zum Sportangebot? Was braucht er? Fahrdienste, Assistenz, Barrierefreiheit.« Und wer könnte es besser wissen, als die Betroffenen selbst?

Sinas Projekt macht also genau das: Eine wissenschaftliche Erhebung, um den Bedarf zu erforschen. Ein groß angelegtes Projekt im Stadtsportbund Aachen selbst, gefördert durch die Aktion Mensch und gemeinsam mit örtlichen Strukturen, mit Politikern und Hochschulunterstützung durch die Sporthochschule Köln, Professor Dr. Thomas Abel, die KatHO Aachen und Professorin Dr. Liane Schirra-Weirich. »In der Planungsphase habe ich innerhalb von acht Wochen zahlreiche Anträge geschrieben, einen Business- und Finanzplan.« All das, damit der nahtlose Übergang von dem befristeten Projekt ins eigene funktionieren konnte. »In der Zeit habe ich gar nicht gut geschlafen, das war schon alles sehr sportlich.«

Der Erfolg: Ein Großteil vom Projektvolumen von 300.000 Euro wird über die Aktion Mensch gefördert. Es besteht jedoch weiterhin eine Unterdeckung für den Stadtsportbund, die noch aufgebracht werden muss. Gehofft wird dabei auf die Unterstützung durch die Stadt Aachen, die Politik und weitere Förderer.

»In den vergangenen zwei Jahren ist enorm viel passiert«, erzählt Sina, »auch seitens meines Arbeitgebers. Björn Jansen, der Vorsitzende des Stadtsportbundes Aachen, hat sich unheimlich für mich eingesetzt, meine Stellenförderung ermöglicht und mir auch hier in der Nadelfabrik selbst einen barrierefreien Zugang ermöglicht.«

Neben Sinas Vollzeitstelle konnte sie so sogar noch eine weitere Halbtagsstelle schaffen und wird zusätzlich von einer wissenschaftlichen Hilfskraft unterstützt. Denn: Das Projekt hat Sina nicht nur zur langfristigen Sport-Inklusionsmanagerin gemacht, sondern sie promoviert auch über dieses.

Eine beeindruckende Geschichte. Besonders, wenn man erfährt, mit welchen Hürden Sina selbst auf dem Weg zu kämpfen hatte.

Geschichten, die das Leben schreibt

Sina Eghbalpour kam mit der Glasknochenkrankheit auf die Welt. Eine Krankheit, die dafür sorgt, dass das Knochenkonstrukt des Körpers nicht so kräftig ausgebaut ist, wie das bei einem vollkommen gesunden Menschen der Fall ist. Bricht ein Knochen in der Regel nicht so schnell, umso empfindlicher sind die Knochen von Menschen mit dieser Krankheit. Und davon gibt es in Deutschland 5.000 Menschen.

»Meinen ersten Oberschenkelhalsbruch hatte ich mit drei Wochen«, erzählt Sina offen auf ihre Krankheit angesprochen. Denn zunächst war dem kleinen Mädchen, das dort auf die Welt gekommen war, nicht anzusehen, dass etwas nicht stimmen könnte. Plötzlich dann der erste Bruch. Dann die Diagnose. Es folgten zahlreiche Brüche, Sinas Eltern wurde gesagt, sie würde niemals laufen können. Doch schon als junges Mädchen legte sie eine besonderen Biss an den Tag. Kämpfte sich ins Leben, erkämpfte sich ein Leben.

Auch wenn das über manch weitere Hürde führte. »Als Kind war es nicht immer einfach zu verstehen, dass ich in meiner Bewegung eingeschränkt war und besonders auf meine Knochen achten musste. Durch jeden Bruch, jede OP habe ich gelernt, viel auszuhalten und immer wieder aufzustehen. Das geht schon.«

Seit der Pubertät sind die Knochenbrüche deutlich zurückgegangen. Das liegt zum einen am natürlichen Hormonwechsel, zum anderen aber auch an der eisernen Disziplin, die Muskulatur nachhaltig stark zu halten und so die Knochen zu schützen. »Rippenbrüche passieren noch regelmäßig, aber damit gehe ich schon gar nicht mehr zum Arzt.«

Das einzige, was Sina, die übrigens mit ihrem Freund alleine wohnt und auch Auto fährt, Sorgen bereitet, ist ihre Lunge. Das lange Sitzen am Arbeitsplatz ist für Sinas Körper und besonders ihre Lunge sehr anstrengend. Daher macht sie ihre Mittagspause auch auf einer Liege im Büro, um den Arbeitsalltag auch körperlich gut zu meistern. »Grenzwertig ist es vielleicht, aber es ist super wichtig für mich, ein eigenständiges Leben zu führen und damit auch anderen Mut und Kraft zu geben. Das gibt mir wiederum Energie.«

Sina sagt: »Ich bin jeden Tag froh, wenn ich wach werde, es mir gut geht und ich für mich selbst sorgen kann. Die eigene Angst darf einen nicht überholen. Von meinen Eltern habe ich auch gelernt, meine Situation nicht als Strafe zu sehen und auf irgendwen sauer zu sein, sondern mit der Krankheit umzugehen und das Bestmögliche draus zu machen. Deswegen war ich auch nie traurig. Und das liegt eben vor allem an meinen Eltern, die haben das alles echt toll gemacht.«

Wenn sie manchmal die alltäglichen Wehwehchen von Gleichaltrigen höre, fiele es ihr teilweise ein bisschen schwer, die Sorgen Ernst zu nehmen. Und sie sagt weiter: »Ich würde kein anderes Leben wollen, genau so, wie es ist, bin ich zufrieden und glücklich.« Dafür sorgt natürlich auch, dass sie sich das Leben so eingerichtet hat, wie sie es braucht. Und dass sie auf unterstützende Weggefährten setzen kann, die sie auf ihrem Weg begleiten, seien es die Vorgesetzen beim Stadtsportbund, ihre Familie und Freunde oder die Gesellschaft allgemein. Auch wenn die manchmal deutlich zeigt, dass Inklusion noch einen weiten Weg vor sich hat.

»Manchmal werde ich gefragt, auf welcher Förderschule ich denn gewesen wäre oder wer denn mein gerichtlicher Vormund sei – das ist auch der Grund, warum ich will, dass sich was verbessert, dass sich Horizonte erweitern und Barrieren in den Köpfen abgebaut werden.«

Oftmals hätten die Menschen auch Angst, im Umgang mit ihr etwas falsch zu machen oder sie zu gefährden. »Oft höre ich die Frage, was man denn machen solle, wenn ich hinfalle. Ich sage dann immer: Greif zum Telefon und hol’ Hilfe. Du bist doch nicht mein Arzt. Natürlich kann ich die Sorgen nachvollziehen, aber ich versuche auch immer, die Situation zu entspannen, indem ich bereits vorher das Vorgehen im Notfall abkläre.« Laufen lernen ist eben schwierig, auch für eine inklusive Gesellschaft. \

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