Laufbahn

»Vor allem beantworte ich Fragen«

Die mobile Hebamme Carla Tiller hat ihre Ausbildung im Luisen Hospital gemacht.

Die mobile Hebamme Carla Tiller hat ihre Ausbildung im Luisen Hospital gemacht. (Foto: Sebastian Dreher)

Die Hebamme ist für werdende Mütter und Wöchnerinnen eine wichtige Bezugsperson – vielleicht sogar die wichtigste. Auf Hausbesuch mit Carla Tiller.

VON SEBASTIAN DREHER

Zu Anfang die Erfolgsmeldung des Tages: »Ich konnte fünf Stunden am Stück schlafen«, sagt Sophie Goddaert. Die 31-jährige Französin hat vor knapp zwei Wochen ein Baby zur Welt gebracht, Louisa, groß, schwer und kerngesund – 4.800 Gramm bei 57 Zentimetern Körpergröße. Sophie hat ihr Kind im Arm, sie sieht frisch und erholt aus, und sie freut sich sichtlich über den Besuch von Carla Tiller.

Carla ist freischaffende Hebamme, seit nunmehr zwei Jahren betreut sie ihre Frauen. Offiziell. Bei ihrer Mutter, ebenfalls Hebamme, sammelte sie eigentlich schon ihr ganzes Leben Erfahrungen. Ihre dreijährige Ausbildung hat sie im Aachener Luisenhospital gemacht. Doch während ihre Mutter als Beleghebamme auch in der Geburtshilfe tätig ist, beschränkt sich Carla auf Vor- und Nachsorge. Nicht etwa, weil sie die Arbeit im Kreissaal scheut, sondern weil seit Anfang des Jahres die Versicherungsprämien für die Berufshaftpflichtversicherung exorbitant gestiegen sind. »Ich müsste rund 4.500 Euro im Jahr zahlen«, sagt Carla.

Dazu kommt, dass eine Beleghebamme ständig erreichbar sein muss – Geburten lassen sich eben nicht planen. Natürlich ist auch Carlas Handy ständig an, doch ihre Kundinnen haben es selten so eilig, dass sie nicht bis zum nächsten Tag warten können. Natürlich kommt auch das vor. »Auf meinem WG-Anrufbeantworter sind schon mal irritierende Nachrichten panischer Wöchnerinnen«, sagt Carla. »Meine Mitbewohner haben irgendwann aufgehört, das abzuhören.«

Der heutige Besuch bei Sophie und Louisa stellt sich schnell als völlig unproblematisch heraus. Kind prächtig entwickelt, Mutter gut drauf, und auch Papa Carsten hat Urlaub und tigert stolz um seine Erstgeburt herum. Dass die kleine Louisa neben guter Gesundheit auch mit starkem Willen und lauter Stimme ausgestattet ist, zeigt sich, als Carla mit ihrem Check anfängt. Der beschränkt sich auf Wiegen und Bauchnabelsäuberung. »Louisa ist so fit und agil, da gibt es nicht viel zu untersuchen«, sagt sie, als sie das Baby mit ruhigen, aber energischen Bewegungen in den Wiegesack legt. »In der Regel überprüfe ich Reaktionsverhalten und Reflexe, schaue mir die Ausscheidungen und überprüfe die Hautfarbe. Sieht das Kind gesund aus, schreit es, lässt es sich beruhigen. Und ich erkundige mich nach Still- und Trinkverhalten.«

Damit hatte Louisa ein paar Probleme, nach der Brust ließ sie viel Milch wieder heraus, spuckte in großen Schwallen das Zimmer voll, das Bett, eigentlich alles. Carla tippte auf zuviel Milch. »Nicht mehr so oft und so lange trinken, nach zehn Minuten von der Brust absetzen.« Ein Experiment, es hat geklappt.

Carlas Funktion beschränkt sich nicht auf die Versorgung des Kindes, auch die Mütter wollen betreut werden. »Ich taste den Uterus ab, schaue mir die Brüste an, gebe Tipps zur Rückbildung. Und vor allem beantworte ich Fragen.« Im Rahmen ihrer Arbeit für das Programm »Frühe Hilfen« kommt sie mit vielen jungen, überforderten Müttern in Kontakt. Für diese Frauen ist Carlas Erfahrung enorm wichtig, um durch den Alltag zu kommen.

30 bis 40 Besuche stehen pro Woche auf ihrem Programm. Ein Vorteil ihrer Freiberuflichkeit ist, dass sie sich ihre Zeit selbst einteilen kann. So bleibt auch noch etwas für ihre zweite Passion übrig, den Yogaunterricht. »Ich unterrichte auch viele Schwangere, eine gute Rückbildungsmaßnahme.«

Berührungsängste kennt sie nicht. »Ich bin ja damit aufgewachsen.« Und vielleicht lag’s ja auch an der Jugendarbeit. »Wer schon mal mit 17 Kindern im Bus nach Kroatien gefahren ist, den kann nichts mehr schocken.«  \

(Erstmals erschienen in Klenkes NEO 7: »LUST«)