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Dr. phil. Daniel Baron vom Institut für Soziologie: Protestgedanken

Dr. phil. Daniel Baron vom Institut für Soziologie der RWTH Aachen

INTERVIEW CHRISTINA RINKENS
FOTO CHRISTINA RINKENS

Dr. Baron, lange Zeit war die Rede von einer apolitischen Jugend, Stichwort »Politikverdrossenheit« …
Die Jugend als solche war nie apolitisch. Beobachten lässt sich aber in der Tat eine länger anhaltende Apathie gegenüber verschiedenen Formen politischer Beteiligung innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen. Dabei gibt es durchaus unterschiedliche Wertvorstellungen in den einzelnen Generationen. Diese sind im Zeitverlauf aber nicht so gravierend wie lange Zeit vermutet. Zwar gab es rund um 1968 einen Peak und auch in den 80ern – Stichworte: Studierendenproteste und Umweltbewegung – , aber Studien zeigen: Junge Menschen engagieren sich immer wieder im Zeitverlauf für brennende, gesellschaftlich relevante Themen und dies sehr oft abseits der klassischen politischen Beteiligung an Wahlen.

Das Schulschwänzen ist also eine politische Beteiligung?
Das kann man so nicht sagen. Zunächst einmal ist es eine persönliche Entscheidung der SchülerInnen, mit möglichen Sanktionen leben zu wollen, wenn sie dem Unterricht fernbleiben. Politisch wird das »Schwänzen« dadurch, dass sich die Beteiligten auf einen Missstand einigen, gegen den zu protestieren sie als sinnvoll und drängend empfinden. Es handelt sich also um zivilen Ungehorsam, bei dem sich die Protestierenden entscheiden, sich aufzulehnen und dabei auch gegen Gesetze zu verstoßen. So schätzen sie das politische Ziel, einen besseren Klimaschutz, als erstrebenswerter ein, als Freitagmorgens im Mathe- oder Physikunterricht zu sitzen.

Woher kommt der Protest-gedanke?
Um es zunächst mal mit Jürgen Habermas zu sagen: Menschen sind – mehr oder weniger – fähig, »Nein« zu sagen. Und eben daraus entsteht die Möglichkeit politischer Verständigung in Gemeinwesen, zumindest solange, wie sich Auflehnung und Protest im verfassungsrechtlichen Rahmen bewegen. »Nein« zu sagen, ganz allgemein also Konflikte gehören also ebenso zu einem lebendigen Gemeinwesen dazu wie Austausch und verständigungsorientierter »Diskurs«. Mit jedem Akt des Protests geht aber auch ein Abwägen einher. Ob jemand an Protesten teilnimmt, hat also auch immer mit Einflüssen von außen zu tun und was andere Beteiligte machen. Dass es dazu noch medial präsente, einflussstarke Persönlichkeiten, wie beispielsweise Greta Thunberg bei der »Fridays For Future«-Bewegung, gibt, begünstigt Protestverhalten ebenfalls.

Glauben Sie, dass alle Demonstrierenden Jugend-lichen genau wissen, wofür sie auf die Straße gehen?
Dazu sollten die beteiligten Protestierenden befragt werden. Mein Eindruck aus den öffentlichen Debatten ist, dass viele der Organisatoren ein wirklich umfassendes Fachwissen haben und dass auch den meisten Beteiligten klar ist, worum es geht. Es ist zwar davon auszugehen, dass dieses Detailwissen nicht bei allen Beteiligten so umfassend ist. Für politischen Protest ist das aber auch nicht erforderlich. Bedeutender scheint hingegen der Leidensdruck zu sein, den die Jugendlichen spüren, wenn sie an Zukunft und Perspektive ihrer Kinder und Enkelkinder denken.

Bei der Demo rufen die Demonstrierenden vor dem Super C »Rauskommen, rauskommen«. Bisher haben sich Studierende jedoch nicht angeschlossen.
Das mag mitunter an der vorlesungsfreien Zeit gelegen haben. Vielleicht könnte es ja eine Idee sein, mal in der Vorlesungszeit in dem einen oder anderen gut besetzten Hörsaal vorbeizuschauen. Wie die Protestform aber letztendlich aussehen sollte, das sollen selbstverständlich die Beteiligten entscheiden.

Wie bewerten Sie persönlich, als politisch interessierter Mensch und nicht als Soziologe, die Demonstrationen?
Ich finde die Bewegung unterstützenswert und hoffe, dass die Beteiligten Potentiale zur Verstetigung finden werden. Ich finde es insgesamt eine sehr originelle und spannende Form des Protests, denn sie fordert zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Frage heraus: Was sind die Prioritäten und Ziele kollektiven Zusammenlebens, was ist wirklich wichtig? \