Laufbahn

Glosse: Juni, Juli, August …

Das Refrendariat kann für zukünftige Lehrer eine schwierige und herausfordernde Zeit sein. Ein sehr subjektiver Bericht.


VON THORSTEN WOLLBECK

Juni, Juli, August … die drei Gründe Lehrer zu werden. Diese und andere Scherze würde ich mir ­regelmäßig auf ­Geburtstagspartys anhören müssen, hätte ich noch Zeit auf ­solchen zu erscheinen. Inzwischen neige ich zur blanken Gewalt, natürlich nicht gegenüber den Kindern selbst, sondern gegenüber Kinderphysiotherapeutinnen, die einem am Stehtisch erzählen wollen, wie angenehm das Lehrerdasein doch in Wirklichkeit sei. Nicht, dass ich dies während meines Studiums tatsächlich geglaubt hätte, dass ich aber irgendwann im Referendariat meine verbliebene Freizeitplanung mit der Frage »Essen oder Duschen?« beantworten müsste, auch nicht.

Da ich als lebendiger Organismus regelmäßiger auf eine Mindestzufuhr an Nahrung zur Aufrechterhaltung des Stoffwechsels angewiesen bin, kommt es inzwischen nur zweimal die Woche zu einem »Nein!« zum einzig mir bezahlbaren »Nudeln con Ketchup«-Menü. Währenddessen googelte ich ­irgendwann recht früh zu Beginn meines Dienstes »Wachmachertabletten für Truckerfahrer«, seitdem geht’s. Ein typischer Tag sieht nun so aus, dass ich Aufwache und mein Leben hasse, anstelle es zu beenden. Nach einem aus Zeit- und Finanzgründen gestrichenen Frühstück geht es vor dem Gong in dieses eine Lehrerzimmer, welches deutschlandweit in den frühen 90er Jahren von irgendeiner Entität normiert worden zu sein scheint. Grüner Teppichboden, Mobiliar Farbton Billigbirke und Rundtische, die die Illusion von Gemeinschaft im Kollegium suggerieren, während der ergraute Sportlehrer im Trainingsanzug den Erdkundelehrer in seiner Abwesenheit verhöhnt, denn seine Frau hat ihn für den Chemielehrer des Partnergymnasiums verlassen.

»Ein typischer Tag sieht nun so aus, dass ich ­Aufwache und mein Leben hasse anstelle es zu beenden.«

Nach dem obligatorischen Anschiss eines Stufenkoordinators, weil man irgendeine Formalie eines Bildungsstandards im Anforderungsbereich 3 des schulinternen Curriculums beim letzten Leistungstest nicht berücksichtigt hatte, geht es in die Klasse. Ich muss erwähnen, dass ich nicht an einer Schule im Bonner Loch gelandet bin. In meiner Klasse tragen die 6.-Klässler die limitierten ­Kayne West Adidas Boots und iWatch statt Flick Flack. Unweigerlich fühle ich mich ranzig.

Ich fürchte, inzwischen unter meinen nicht mehr ­tagesfrischen Klamotten nach dem alten Schweiß meines eigenen, früheren Informatiklehrers zu riechen. Sollte das meine Losung sein? Die Nasenhaare weiter wachsen zu lassen, mich auf diesen einen braunen ausgefransten Pullover von den Schülern reduzieren und auslachen lassen? Ich wollte meine Schüler prophylaktisch bestrafen, doch als ökonomisch orientierte Studienanwärtergebähröffnung ist unsere Schule nicht an schlechten Abschlüssen interessiert und damit stünd ich mit einem Bein vor der Tür.

Auch muss ich bereits hinter jedem verzogenen Einzelkind die Rache einer Helikopter-Mutter in ihrem Cayenne-Panzer fürchten, sobald ich den Schulparkplatz zur Bushalte auf dem nach Hause bestreite. Juni, Juli, August, ich freue mich auf meine wirklich letzten Sommerferien. \