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Tiere (nicht) essen – Tag 10: Großes Interview zur Premiere von »Tiere essen« am Theater Aachen

Ich bin sehr gespannt auf die Umsetzung des Stoffs. Heute rede mal nicht ich, sondern Dramaturg Harald Wolff, dem ich ein paar Fragen zur Produktion und zum Abend gestellt habe. Neben dem eigentlichen Thema steckt in dem Interview auch ein leidenschaftliches Plädoyer für zeitgemäßes Theater. (Foto: Aylin Michels)

INTERVIEW LUTZ BERNHARDT

Das Buch ist prall. Viele Fakten, Porträts, Reportagesequenzen. Wie habt Ihr daraus einen Erzählstrang für die Bühne entwickelt?

»Tiere essen« ist viel mehr als ein Buch über Massentierhaltung. Es ist es ein Buch über die Kraft von Geschichten. Und die Experten fürs Geschichten-Erzählen sind wir.  Wenn ich Leute angesprochen habe, ob sie mitmachen wollen, bin ich immer wieder der Reaktion begegnet: »Dann kann ich ja gar kein Fleisch mehr essen!«. Oder Journalisten, die das Buch nur zur Hälfte gelesen hatten, weil sie befürchteten, »sonst kein Fleisch mehr essen zu können«. Die Fakten sind längst bekannt. Oder wieso sonst glaubt jeder, der uns auf das Stück anspricht, dass der Abend ein Plädoyer für den Vegetarismus wird (das wird er nicht)?

Was aber sagen die Reaktionen aus? Doch nur, dass wir vermuten – und das sind interessante Unterstellungen –, dass die Bedingungen, unter denen unser Fleisch produziert wird, so unhaltbar sind, dass wir sie nicht wahrnehmen wollen, aus Angst, uns sonst ändern zu müssen.

Aber ist das wirklich so? Wir haben das für Aachen recherchiert. Wir haben Wege gesucht, wie man in Aachen an Fleisch kommt, dass unter ethisch vertretbaren Bedingungen hinter die Theke gekommen ist – ethisch vertretbar in dem Sinne, dass über das Töten hinaus vermeidbares Leid auch tatsächlich vermieden wird.  Und: Wir haben sie gefunden. Es geht. Davon erzählen wir in unserem Blog. Der Clou des Buches – und des Abends – ist es, dass es gerade NICHT lediglich Fakten versammelt, sondern sie in einer sehr persönlichen Entwicklungsgeschichte unterbringt, in eine Geschichte darüber, wer wir sind und wer wir sein wollen. Das Buch ist ein Entwicklungsroman, sagt Regisseur Stefan Nolte. Ein Entwicklungsroman, der die sehr persönliche und berührende Familien- und Entwicklungsgeschichte seines Helden, der Jonathan Safran Foer heißt, erzählt – der Erzählstrang ist also schon da.

LINK: »TIERE ESSEN« AM THEATER AACHEN

Safran Foer spielt häufig die Ekel-Karte aus. Das ist ein wesentliches Überzeugungsinstrument. Wie geht Ihr vor? Muss ich mit Entsetzen rechnen? Ist das ein wichtiger Ansatz?

Tut er das wirklich? Quantitativ stimmt das eher nicht. Richtig ist, dass er auch Geschichten erzählt, die eklig, hart, an der Zumutbarkeitsgrenze sind. Der weitaus größte Teil des Buches handelt aber von etwas völlig anderem. Die Frage, ob und in welchem Umfang wir »Ekel«-Bilder/Filme/Geschichten erzählen, ist bis zum Schluss einer der heißdiskutiertesten Punkte  innerhalb der Produktion gewesen. Wir haben Filme gesehen, die wir für so unzumutbar halten, dass wir sie auf keinen Fall an dem Abend vorführen würden, schlimme Tierquälereien, aber auch »ganz normale« Vorgänge, also alltäglich Massenzuchtphänomene wie das Schnabel-Abschneiden bei Hühnern (ohne Betäubung), das Kupieren (Kastration, auch ohne Betäubung) von Ferkeln, das Abziehen der Haut und das Zerlegen von Rindern, die noch lebten. Muss man das zeigen? Sollte man? Darf man? Will das irgendwer sehen? Darf man jemanden dazu »zwingen«, indem man es an einem Theaterabend einfach macht? Wir sind weit davon entfernt, irgendwen bei irgendwas zu bevormunden. Wie kämen wir dazu? Wer das sehen will, findet in unserem Blog Links zu Videos von vergleichsweise harmloseren Vorgängen wie das Schlachten eines Schweines, einer Kuh in einem vergleichsweise gut geführten Schlachthof, und auch über das Aussortieren und Schreddern und Wegwerfen von männlichen Legehennenküken. Und wir kommen an einem Abend über Massentierhaltung nicht drum herum, bestimmte Dinge anzusprechen. Nicht, weil wir den Ekel-Faktor ausspielen. Sondern, weil diese Dinge nicht nur passieren, sondern weil sie als innerhalb der gesetzten Maßstäbe strukturell notwendige feste Routinen passieren, die quasi sicherstellen, dass jedes einzelne Tier leidet.

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Tiere Essen. Foto: Marie-Luise Manthei

Wie jedes gute Kunstwerk schließt das Buch eine ganze Reihe von Positionen ein. Wir spielen sie durch. Man kommt nicht drum herum, über seine eigene Haltung nachzudenken, wenn man sich dem Abend aussetzt. Aber zu welchem Ergebnis man kommt, liegt bei jedem selbst. Eine  Zuschauerin der Kostprobe erzählte, sie sei seit 40 Jahren strikte Vegetarierin. Sie hat sich bei uns – nach dem Abend – aber entschieden, das Tier-Gericht zu probieren, zum ersten Mal nach 40 Jahren. Der Abend ist keine Kampfschrift. Er ist viel weniger eindeutig, als Du vermutest. Es geht nicht darum, irgendwen zu irgendwas zu bekehren. Es geht darum, sich über seine Haltung und über deren Gründe klar zu werden. Es geht darum, durchzuspielen, was passiert, wenn man – wie Jonathan Safran Foer – eine ethische Grundsatzentscheidung zum Handlungskonzept seines Lebens macht.  In welche Schwierigkeiten und Widersprüche man kommt. Denn da fängt es ja erst an, Spaß zu machen – und Theater zu werden. Und es geht, wie bei jedem guten Essen, darum, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Warum ist es der Job eines Theaters, sich mit dem Essen von Tieren zu beschäftigen?

Wieso denn nicht? Aufgabe des Theaters ist es, sich mit der Welt und der Gesellschaft, in der es stattfindet, auseinanderzusetzen. Tatsächlich habe ich noch nie auf irgendeinen Theaterabend, den wir angesetzt haben, auch nur annähernd so viele (und durchweg positive) Reaktionen bekommen (Meist in der Form: »Toll, dass ihr das macht. Wie um Himmels willen bringt man das denn auf die Bühne?«). Noch nie bin ich so oft auf eine Spielplanposition angesprochen worden. Noch nie habe ich so viele so heftige und leidenschaftliche Debatten erlebt, lange bevor wir ein Stück machen. Es scheint einen Nerv zu treffen. Die Frage ist immer: Wie ist die Welt, in der wir leben? Ist sie okay, so wie sie ist (Das ist sie zum Glück nie, deshalb haben wir so viel zu erzählen)? Wenn nicht: Wie hätten wir sie denn gerne? Wie können wir sie so machen, wie wir sie haben wollen, zumindest versuchsweise, zumindest als Spiel, zumindest an einem Abend, zumindest als Utopie? Ich nenne das das Pippi-Langstrumpf-Prinzip: Machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt. Wo, wenn nicht im Theater, sollen wir uns als Stadtgemeinschaft denn darüber auseinandersetzen, wie wir leben wollen? Bei Günter Jauch? Auf Facebook? Und in jedem Falle ist es Aufgabe des Theaters, sich mit großer Literatur auseinanderzusetzen – und Jonathan Safran Foer ist der wichtigste amerikanische Autor seiner Generation.

Verfolgt Jonathan Safran Foer, wie Ihr mit dem Stoff umgeht?

Jonathan Safran Foer hatte sofort nach unserer ersten Anfrage großes Interesse daran, dass der Stoff von uns auf die Bühne gebracht wird und uns weltexklusiv das Recht eingeräumt, das zu tun. Er war dabei sehr großzügig, was die Bedingungen angeht, auch im Umgang mit seinem Text, insbesondere, was Fragen der Werktreue und des Textanteils angeht, der von ihm ist – das ist alles andere als alltäglich. Tatsächlich sind wir sehr texttreu und fast alle Texte stammen von Jonathan Safran Foer; aber wir müssten das nicht so machen. Wir informieren ihn regelmäßig über den Stand der Dinge.

Ein Satz: Was erwartet uns heute Abend?

Wenn sich einlöst, was wir anstreben: Ein berührender und bewegender Theaterabend, der eine tollte Geschichte erzählt und der glücklich macht. \

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