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»Ich halte das aus …«

Foto: Lutz Bernhardt

Foto: Lutz Bernhardt

Als Karl Lagerfeld gefragt wurde, warum er eigentlich Mode macht, hat er geantwortet: »Ich habe nie etwas anderes gemacht. Fragen Sie eine Nutte, warum sie anschaffen geht. Weil es sich so ergeben hat, aufgrund bestimmter Umstände.« Gute Idee, hat Lutz Bernhardt sich gedacht, und eine Nutte gefragt, wie sich so was ergibt.

INTERVIEW: LUTZ BERNHARDT

Anna, kurz zu den Begrifflichkeiten. Hure, das darf man sagen?
Nein, Prostituierte.

Nutte?
Nein.

Mädchen?
Ja, Mädchen ist charmant. Oder Damen, ja die Damen.

Deinen Arbeitsplatz, wie nennst du den?
Mein Arbeitszimmer.

Bordell? Oder Puff?
Puff. Das ist so.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Ich fange morgens an und habe abends Feierabend, von Acht bis Acht. Ob ich verdient habe oder nicht. Ich komme morgens, ziehe mich um, also meine Arbeitskleidung an, ich sitze im Fenster, ich esse mein Frühstück und ich warte. Ich gehe nicht gerne raus in die Stadt während meiner Arbeitszeit. Dann kannst Du Kunden verlieren. Also ich sitze dort und warte. Und habe oft Langeweile. Ich lese Zeitung, mache Rätsel, unterhalte mich ein bisschen mit anderen Mädchen, spiele auf meinem iPad (lacht).

Machst Du eine Mittagspause?
Nein, ich arbeite durch. Wenn ich essen will, bestelle ich schnell was oder mache mir etwas warm. Von zuhause bringe ich mir auch oft Salat mit oder Suppen.

Wann guckst Du zum ersten Mal auf die Uhr?
So gegen vier, fünf Uhr, dann denke ich, wann ist endlich Feierabend? Aber wenn ich viel zu tun habe, geht der Tag schnell rum. Dann bist du lustig und gut drauf. Aber wenn Du stundenlang sitzt und wartest, das ist sehr langweilig. Ich muss was tun. Sonst tut mir der Hintern weh.

Ist nicht sehr bequem, der Stuhl?
Genau. Das ist so ein Holzstuhl. Ich habe ein paar Kissen mitgebracht.

Was trägst Du bei der Arbeit?
Ich bin ein bisschen älter jetzt. Ich sitze also nicht mehr im Bikini im Fenster, das kann ich nicht mehr. Deshalb trage ich Negliges oder kurze Röcke mit Oberteil. Solche Sachen, meistens in schwarz.

Wieso schwarz?
Du kriegst nicht viel in anderen Farben. Schwarz macht die Männer geil, glaube ich. Im Sommer trage ich allerdings auch oft helle Sachen. Dann sitze ich auch draußen auf dem Hocker. Denn dann kannst Du Dich mit den Männern schneller unterhalten.

Du arbeitest von acht bis acht. Und freitags ist Dein kurzer Tag…
Ja, Freitag nur bis zwei. Und selten auch mal am Samstagmorgen.

Was machst Du am Wochenende?
Ich gehe drei Mal ins Fitnessstudio. Freitags mache ich meinen Wocheneinkauf, Lebensmittel und so. Dann meine Hausarbeit, putzen, waschen, ich wasche auch meine Sachen von hier zuhause. Ich wohne in der Stadt, also ich gehe auch viel Spazieren.

Wenn Du am Wochenende Sex hast, was ist dann anders als hier im Arbeitszimmer?
Ich habe keinen Freund im Moment. Ich bin seit einem Jahr alleine. Wenn Du Sex mit Deinem Freund hast, dann ist das mit Liebe. Weißt Du? Ich mag keine Küsse hier. Es ist hier weniger zärtlich. Manche Kunden sind zärtlich, aber zuhause passiert es mit Herz. Hier ist es mein Beruf.

Wollen die Kunden immer Sex?
Nein. Ich habe einen Kunden, der küsst meinen Fuss, meine Beine. Ich habe einen, der mag meine Haare. Es ist nicht immer Sex. Manchmal nur Handmassage.

Was kannst Du am besten?
Französisch. Ja, ich bin bekannt bei meinen Kunden. Ich mache das allerdings nicht ohne Schutz. Die Leute sagen, ich mache das sehr schön, weich, zärtlich, nicht bababa, schnell fertig und weg.

Gibt es Leute, die abstruse Sachen verlangen?
Es gibt Leute, die sind komisch. Aber mit der Zeit habe ich das einfach akzeptiert. Viele Leute mögen einfach Beine, Haare und so weiter. Viele kommen mit einer Fantasie hier in den Puff. Und das ist gut. Besser, als wenn sie ihre Fantasie anders ausleben. Ich habe einen, der sitzt auf meinen Knien und ich muss ihm Kinderlieder vorsingen.

Die Antoniusstraße sieht an warmen Abenden mit den bunten Fenstern und den kleinen Häusern fast schon idyllisch aus, wie aus einem Roman. Gibt es hier Idylle, Romantik?
Hier gibt es keine Romantik. Ich gehe aber auch nicht durch die Straße. Sehr selten. Vor allem abends gar nicht.

Warum nicht?
Ich muss nicht. Ich habe nur sehr wenige Bekannte hier. Ich gehe nicht durch die Straße.

Gehörst Du nicht dazu?
Ja, hier gibt es viele andere Frauen. Nicht so sauber, nicht ehrlich. Hier, das Ende von der Straße, ist noch ein bisschen wie früher. Aber insgesamt ist es nicht mehr so einfach. Es hat sich viel verändert.

Foto: Lutz Bernhardt

Foto: Lutz Bernhardt

Was hat sich verändert?
Es ist schwer, Geld zu verdienen. Die Frauen machen es zu billig und ohne Schutz. Und die Männer Fragen für mehr. Früher hat selten einer gefragt: Küsst Du mich? Machst Du anal? Ich mache das nicht, aber viele tun das, und dann für das gleiche Geld.

Wie sind Deine Preise?
Ich sag: 30. Das ist eine normale Nummer. Früher konnte man bei 30 Euro noch sagen, entweder französisch oder richtig. Heute musst Du zum Teil beides machen. Weil Du Geld verdienen musst.

Ist das auch eine Zeitfrage?
Ja. 30 Euro sind 20 Minuten.

Wird auch am Fenster gehandelt?
Ja. Aber ich bin nicht mehr zu Kompromissen bereit. Und ich bin ehrlich dabei. Es gibt einige, die versprechen viel, aber geben dann nicht das, was vereinbart war. Das ist nicht meine Art. Du hast bezahlt, du willst etwas haben. Ich mache meinen Service.

Wann ist Dein Service ein guter Service?
Wenn die Männer zufrieden sind. Manche geben mir automatisch 50 Euro und sagen: Machs Dir gemütlich. Wenn sie nicht zufrieden sind, musst Du 20 wieder zurückgeben. (lacht) Sie wollen, dass man sich Zeit nimmt, schön langsam.

Kannst Du Dir die Kunden aussuchen?
Ja. Wenn ich einen Kunden nicht will, dann gucke ich weg oder sage einfach nein. Oder ich sage, ich habe einen Termin. Du musst Dir die Leute immer erst genau anschauen. Diese Freiheit nehme ich mir.

Du bist selbständig und hast keinen Zuhälter?
Ja, ich arbeite allein.

Wie bist Du in den Beruf gekommen?
Durch meinen Exfreund. Er hatte Berührung mit der Szene und sah diese Arbeit als völlig normal. Für ihn war das einfach ein Job. Und über ihn habe ich viele Leute kennen gelernt, die im Puff gearbeitet haben. Und dann brauchte ich einmal sehr viel Geld. Dann bin ich hierhin gekommen. Habe mein Geld gemacht und war wieder weg. Später brauchte ich wieder Geld. Und dann bin ich hier geblieben.

Wofür brauchtest Du Geld?
Wir hatten ein Restaurant in Spanien eröffnet. Das lief nicht rund und wir sind in die Pleite gegangen. Durch eine Bekannte, die in Spanien Urlaub gemacht hat, habe ich von Aachen gehört.

Aber man entscheidet sich doch nicht einfach dafür, in den Puff zu gehen?
Das war nicht einfach. Das erste Mal war sehr strange. Aber ich bin eine… ich kann das aushalten und dann … durchgehen. Wenn ich das muss, dann mache ich es.

War das für Dich nicht eine Frage der Moral?
Natürlich. Manchmal ist es das immer noch. Ich sitze hier und frage mich, was mach’ ich hier? Warum tue ich das? Bist Du blöd? Aber… ich halte das aus. So ist mein Charakter.

Warum bist Du dabei geblieben?
Ganz einfach. Wenn ich aufhöre, was sollte ich dann machen. Wo gehe ich dann hin? Ich bin nicht die jüngste. Für mich eine normale Arbeit zu finden ist mittlerweile sehr schwer. Verstehst Du? Ich denke schon, in ein zwei Jahren bin ich weg…

Aber das denkst Du immer wieder…
Ja. (lacht)

Hast Du mal wirklich versucht auszusteigen?
Nein. Aber wenn ich gehe, dann für immer. Aber meine Frage ist, was kommt dann?

Aus was für einer Familie kommst Du?
Aus einer ganz normalen. Mein Vater war LKW-Fahrer. Meine Mutter hat früher mal in einer Fabrik gearbeitet, aber danach jahrelang nicht. Meine Familie hat keine Ahnung von meinem Beruf. Sie denken, ich arbeite in einer Kneipe, in einem Restaurant wie in Spanien.

Wurdest Du streng erzogen?
Nein. Wir, meine zwei Brüder und ich, waren gute Kinder. Wir haben uns benommen. Es war eine liebevolle Erziehung würde ich sagen.

Keiner aus Deiner Familie weiß, wie Du Dein Geld verdienst?
Keiner. Sie wären geschockt.

Ist das nicht manchmal für Dich ein Bedürfnis, zu sagen, was Du tust?
Ja.

Was machst Du dann?
Ich lüge ein bisschen. Ich rede einfach nicht viel darüber. Ich habe auch keinen großen Bekanntenkreis.

Du machst das seit 15 Jahren. Hast Du noch nie jemandem die Wahrheit gesagt?
Nein.

Macht es Dich nicht einsam, wenn Du mit niemandem über Deine Arbeit sprechen kannst?
Ja. Das macht mich einsam. Aber egal mit wem man letztlich spricht, keiner würde das verstehen, es gibt so viele Vorurteile: die Frauen nehmen alle Drogen, es ist Gewalt im Spiel, alle haben einen Zuhälter und so weiter. Bei mir ist das aber anders: Ich komme morgens und gehe abends. Das ist meine Arbeit. Keiner befiehlt mir irgendwas.

Wie wirst Du mit dieser Art von Einsamkeit fertig?
Ich glaube, ich bin einsam als Mensch. Meine Mutter war auch ein einsamer Mensch. Ich rede hier mit den anderen im Haus, aber alles, was hier passiert, bleibt auch hier im Haus.

Machst Du Urlaub?
Ein paar Mal im Jahr fahre ich immer für eine Woche zu meiner Familie. Und im Dezember arbeite ich nie, dann bin ich auch vier Wochen bei meinem Vater. Meine Mutter ist seit vier Jahren tot und ich schaue dann einmal im Jahr, ob alles o.k. ist.

Kannst Du Deine Arbeit mit Respekt vor Dir selbst machen?
Schwere Frage.

Hast Du manchmal Probleme damit, Dich im Spiegel zu betrachten?
Nein. (lacht) Doch, aber das liegt daran, dass ich langsam alt werde. Nein, ich kann in den Spiegel gucken. Aber – wie gesagt – ich frage mich schon ab und zu: Was machst Du hier?

Möchtest Du etwas zum Schluss sagen?
Ich bin ein normaler Mensch. Wir sind normale Menschen. Das möchte ich sagen. \

(Erstmals erschienen in Klenkes NEO 2 »Arbeit«)