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Najia Harrabi (29) musste erst ihr Land verlassen und eine neue Sprache lernen, um mit dem Studium der Sozialen ­Arbeit ­glücklich zu werden. So glücklich, dass der Deutsche ­Akademische Austauschdienst sie für ihre Leistungen und ihr ­soziales ­Engagement auszeichnete.

VON THOMAS GLÖRFELD

Ich treffe Najia Harrabi am Lousberg. Dort ist es grün, das mag sie. Denn in ihrem Heimatdorf in Tunesien ist es im Gegensatz zu Aachen eher karg als grün. Dafür ist es hier aber auch kälter. Daran hat sie sich noch immer nicht so recht gewöhnt. Dafür scheint sie die deutsche Tugend Pünktlichkeit mehr als verinnerlicht zu haben und ist fast eine ­halbe Stunde vor unserem vereinbarten Gespräch bei den Hängematten am Lousberg.

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Dass man den Kontrast Deutschland – Tunesien nicht nur klimatisch ausmachen kann, wird bei ­unserer Runde über den vereisten Boden im äußerst kalten Februar schnell deutlich. Najia berichtet von ihrer Kindheit, die sich von einer Kindheit in Deutschland deutlich unterscheidet. Mit einer beachtlichen Abgeklärtheit erzählt sie, dass ihre Eltern vor und nach ihrer Geburt mehrere Kinder verloren haben. So starb ein Bruder an den Folgen eines Skorpionbisses. Für deutsche Verhältnisse unvorstellbar. So wuchs sie als einzige Tochter neben vier älteren Brüdern und in armen und einsamen ländlichen Verhältnissen auf, wo man »schon richtig hätte schreien müssen, damit einen ein Nachbar hört.« Hier arbeiten ihre Eltern heute noch in der Landwirtschaft. Selbst hätten diese nie eine Schule besuchen können, ermöglichten es aber ihren Kindern – zumindest so lange sie versetzt wurden. Sitzenzubleiben bedeutete für ihre Brüder nämlich automatisch das Ende des Schulbesuchs und stattdessen die Arbeit auf den Olivenfeldern und bei der Mandelernte.

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Bei Najia sah das anders aus: Erst hat sie die Grundschule geschafft, danach ging es für sie auf ein Internat. Dies bedeutete zwar einerseits raus aus dem Dorf zu kommen, andererseits aber auch in einem Schlafsaal mit über einhundert Kindern zu schlafen. In Tunesien keine Seltenheit. Mit dem Abitur in der Tasche ging es danach nach Tunis zum Studium der Sozialen Arbeit. Doch so recht sollte es mit dem Studium erst einmal nicht klappen: »Wenn andere Leute das schaffen und ich nicht, dann bin ich wohl nicht richtig hier.« Erste Sinnkrise, das Gefühl die Familie enttäuscht zu haben, die drohende Landarbeit, dann die Flucht in die Ausbildung als Verwaltungsassistentin. Über all das spricht sich ­Najia über Skype mit einem Aachener Studenten aus, den sie bei dessen Urlaub in Tunesien kennengelernt hatte. Die räumliche Distanz ermöglicht das offene Gespräch, bis der Aachener Student bald beginnt, darauf zu bestehen, die Familie kennen zu lernen, von der Najia so viel erzählt. Im Handgepäck ein Ring. Geheiratet wurde dann auch traditionell in Tunesien.

Neuer Ort – Neue Chancen
Wenige Monate später verlässt Najia erstmals in ihrem Leben Tunesien. Vermutlich war das kalte Deutschland 2014 nicht das bevorzugteste Ziel, aber für die Zukunft mit ihrem Ehemann lässt sie Tunesien hinter sich und beginnt in Deutschland ihr neues Leben. Was ihr bereits vorher klar ist: Die deutsche Sprache muss schnellstmöglich gelernt werden. Und so schafft Najia es durch Sprachkurse auf C1-Niveau – was fließendem Deutsch entspricht. Wer sich mit der deutschen Grammatik beschäftigen muss, der weiß, dass es danach eigentlich nur leichter werden kann. So packt Najia auch der Ehrgeiz, es mit dem Studium der Sozialen Arbeit noch einmal zu probieren. »Ich habe mir selber gesagt, dass es eigentlich auch nicht sein kann, dass ich das vorher nicht geschafft habe.« Neuer Ort, neue Chance. Die Wartezeit auf einen Studienplatz an der Katholischen Hochschule möchte sie nicht untätig absitzen. »Du hast doch Fähigkeiten, die gebraucht werden können«, sagt sie sich. Und so beginnt Najia ehrenamtlich bei der Caritas als Übersetzerin zu arbeiten, um arabisch sprechenden Flüchtlingen bei Behördengängen und Arztterminen zu helfen.

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Urkunde und Blumen für akademische Leistungen und interkulturelles Engagement: Prof. Dr. Uta Antonia Lammel, Najia Harrabi und Prof. Dr. Andreas Reiners

Später erbittet dann auch schon einmal das Polizeipräsidium oder die Justiz ihre Mithilfe. Wobei Najia bei ihrem allerersten Fall vor Gericht letztlich doch sehr erleichtert war, dass der Klient ausreichend Deutsch sprach, so dass er ihrer Hilfe doch nicht bedurfte. Verspätet, aber endlich klappt es dann doch im Wintersemester 2016/17 mit dem Studium der Sozialen Arbeit an der KatHO. Zwar in einem anderen Land in einer anderen Sprache, bisher aber zumindest so erfolgreich, dass sie im Dezember 2017 mit dem »Preis für hervorragende Leistungen ausländischer Studierender« des Deutschen Akademischen Austauschdienstes bedacht wurde. Wieso die Wahl letztlich auf sie fiel, kann mir Najia gar nicht so recht erklären.

Und das liegt natürlich nicht an etwaigen Sprachbarrieren. Bescheiden möchte sie nicht mit dem Erfolg preisen. Ein solcher Preis soll natürlich auch immer eine gewisse Strahlkraft besitzen, wodurch den Prämierten unweigerlich eine Vorbildfunktion angedeiht. Dabei möchte die Tunesierin die Auszeichnung als eine Anerkennung für den nicht immer einfachen Integrationsprozess sehen. Ihre Botschaft an alle anderen, die diesen Weg gehen, ist: Man sollte mit gesundem Selbstvertrauen durchs Leben gehen – auch wenn es erst einmal nicht so klappt, wie gedacht. Für alles andere gibt es Handschuhe. \

Fotos: Lutz Adorf, KatHO Aachen, privat

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