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Sonne tanken

Foto: Team Sonnenwagen Aachen

Das Team »Sonnenwagen« enthüllt seinen Rennboliden. Der von Studierenden der RWTH und FH Aachen gebaute Flitzer startet diesen Herbst in ­Australien beim größten ­Autorennen der Welt für Solarfahrzeuge.

VON MARKO BÖTTCHER

Sommer 2015. Hendrik Löbberding, RWTH-Maschi, sitzt in seiner WG. Auf dem Schreibtisch türmen sich ingenieurwissenschaftliche Bücher und Skripte. Für Hendrik gilt, was die meisten Studierenden kennen: Nach der Prüfung ist vor der Prüfung. In solchen Phasen kommt es vor, dass ein leises Verlangen danach entsteht, den ganzen Lernstoff schnellstmöglich in die nächste Ecke zu befördern. Doch Hendrik verfolgt eine etwas andere Bewältigungsstrategie. Er ruft seinen Freund Niklas Kaltz an und erzählt dem angehenden Wirtschaftsingenieur von einer verrückten Idee. Einer Idee, die das Leben von zwei Aachener Studenten sowie das einiger nicht minder begabter Kommilitonen nachhaltig verändern wird.

Etwa zwei Jahre später ist die Aula des Hauptgebäudes der RWTH Aachen prall gefüllt mit allerlei Gästen, namhaften Sponsoren, dem Team Sonnenwagen und einem mit rotem Samt verhüllten, flach-länglichen Objekt. Hendrik, mittlerweile 25 Jahre alt, und Niklas stehen auf der Bühne. Sie moderieren die Veranstaltung so gekonnt an, als hätten sie nie etwas anderes getan. Der Anlass? Hendrik, Niklas und die weiteren 40 Mitglieder des Teams Sonnenwagen wollen sich verabschieden. Bald geht es los, und zwar nach Down Under, wo vom 8. bis 15. Oktober die „World Solar Challenge“ stattfindet, das längste und härteste Straßenrennen für sonnenbetriebene Fahrzeuge der Welt.

Foto: Marko Böttcher

Foto: Marko Böttcher

Mit der Energie eines Föns
920 Watt reichen aus, damit der Sonnenwagen bei durchschnittlich 70 km/h vom nordaustralischen Darwin in den Süden des fünften Kontinents, nach Adelaide, fährt. Die Distanz beträgt sportliche 3.022 Kilometer quer durch das Outback. Gefahren wird täglich von acht bis 18 Uhr. Wo der aerodynamische Leichtbaubolide abends stehen bleibt, entsteht aus dem Nichts eine Zeltstadt. Da die Bedingungen für Mensch und Maschine extrem sind, begleitet ein Tross von 50 Teammitgliedern, bestehend aus Fahrern, Technikern und Betreuern den Wagen auf der gesamten Strecke. Nicht zuletzt hierin, in den vielen unvorhersehbaren Herausforderungen und Risiken, liegt wohl auch ein großer Teil der Attraktion des Ganzen, der das Team dazu gebracht hat, neben dem Studium ein so bemerkenswertes Projekt auf die Räder zu stellen.

Idealismus Solar
Gleich zu Beginn des Abends erklärt Hendrik seine Motivation: »Wir wissen, dass die Mobilität der Zukunft sich ändern muss. Wir wollen zeigen, was Ingenieure aus Aachen können, was Solarautos aus Aachen können.« Letzteres ist ihnen schon gelungen.

Die Professionalität und der ­Tatendrang des jungen Teams sind ebenso außergewöhnlich wie das ganze Projekt. Anders lässt sich auch nicht erklären, dass Firmen wie Huawei, der Hauptsponsor, sowie Porsche sich die Unterstützung des Sonnenwagens auf die Fahnen schreiben und etwas kosten lassen. Insgesamt konnte das Team 38 Sponsoren und Partner akquirieren. Dennoch: Die­jenigen Teammitglieder, die nach Australien fliegen, ­machen dies auf eigene Kosten.

Was die Leistung des Teams betrifft, wird Prof. Achim Kampker, erster Redner nach den Laudatoren, deutlicher. Der Geschäftsführer der Aachener StreetScooter GmbH wirft kurzerhand sein Redemanuskript über den Haufen und fängt gar nicht erst an, seine Folien durchzuklicken. Vielmehr hält er aus dem Stegreif eine Rede. Nicht nur über die ökologischen Aspekte des Sonnenwagens, sondern auch über die Charaktere seiner Konstrukteure. »Wir müssen uns ändern in Bezug auf die Umwelt und unsere Ressourcenverschwendung. Das Höher-Schneller-Weiter muss aufhören, das sind wir den nachfolgenden Generationen schuldig. Wir müssen einen Raum schaffen, wo Versuche und Experimente möglich sind und dürfen keine Angst vor Veränderung haben. Wir müssen den Mut haben, die Dinge voranzutreiben, und genau dies tut das Team Sonnenwagen.« Der Vortrag ist so enthusiastisch, dass das Publikum sowie das Team Sonnenwagen, welches im vorderen Bereich des Saals sitzt, am Ende stehend applaudieren.

Foto: Team Sonnenwagen Aachen

Foto: Team Sonnenwagen Aachen

Es kann los gehen
Es folgen Sponsorenvorträge, die in die gleiche Kerbe schlagen wie Kampker. Der Abend läuft auf seinen Höhepunkt zu. Kurz nach 20 Uhr sammelt sich das gesamte Team auf der Bühne. Einige Mitglieder enthüllen den Wagen; lauter, lang anhaltender Applaus. Der glänzende Bolide, der in den nächsten Tagen die Flugreise nach Australien antreten wird, macht einen schnittigen und futuristischen Eindruck.

Abschließend betreten Hendrik und Niklas zum letzten Mal am heutigen Abend das Podium. Sie bedanken sich, versuchen, weitere Sponsoren für das Projekt zu gewinnen und lassen den formellen Teil des Abends ausklingen. Ob Hendrik in diesem Moment an den Tag vor zwei Jahren zurückdenkt, an dem er die verrückte Idee hatte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Hauptsache der Sonnenwagen schafft es nach Adelaide. Als Erster wäre nicht schlecht. Aber darum geht es ja gar nicht. \

» sonnenwagen.org

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