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NEO-Reportage: Gottesdienst

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Seit 2010 wird jeden ersten Freitag im Monat in der sehr zentral gelegenen St. Foillan Kirche – direkt neben dem Dom – eine neue Art von Gottesdienst gefeiert: »Zeitfenster«. Mit viel Musik und einer neuen Form soll er junge und ältere Erwachsene in der heutigen Zeit erreichen. Ein Selbstversuch.

VON CHRISTINA RINKENS

Glauben fällt mir schwer. Nicht nur der Glaube an Gott. Insgesamt ist an etwas zu glauben – an Beziehungen, die eigenen Stärken, das Gute im Menschen – immer auch mit der wagen Angst verbunden, enttäuscht zu werden. Wenn man glaubt, dann vertraut man. Dass alles gut wird, dass es sich lohnt, Vertrauen zu inverstieren und dass es einem genauso wieder entgegen gebracht wird. Das ist eine komplexe Sache. Die ohne Gegenleistung nicht funktionieren kann.

Mein Glaube an Gott ist praktisch nicht existent. Ob das wirklich so stimmt, da bin ich mir selber nicht sicher. Klar, gerne würde ich glauben, dass es »ein Mehr« gibt. Dass die Entstehungsgeschichte des Lebens irgendwie so erklärbar ist. Dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist und etwas auf uns wartet. Dass es jemanden gibt, der Acht gibt. Dass all das Schlimme auf der Welt einen tieferen Sinn hat. Sich da irgendwer etwas dabei gedacht hat.

Eigentlich fing mein Bezug zur Kirche an, wie wahrscheinlich bei vielen: Katholischer Kindergarten, Religionsunterricht in der Grundschule. Ferienfreizeiten organisiert von der Gemeinde, drei Jahre Flöten-AG im Pfarrhaus mit regelmäßigen Auftritten in Gottesdiensten. Die Erstkommunion.

Ich hatte viel Freude bei all dem. Aber vor allem wegen der Menschen, mit denen ich dabei zu tun hatte. Bei all dem hat mir nie jemand den tieferen Sinn des Glaubens vermitteln können. Bei der Ferienfreizeit habe ich das erste Mal gezeltet, nach der Flöten-AG die erste Zigarette geraucht.

Bei der Beichte für die Erstkommunion fragte mich der Pfarrer »Bist Du nicht die kleine Rinkens?« Danach gerügt zu werden, die Hausaufgaben mal nicht gemacht zu haben, still in der Kirche Buße zu tun und dabei Angst zu haben, der Pfarrer würde es meinen Eltern erzählen, das war als achtjähriges Mädchen nicht schön.

Vielleicht fing meine Skepsis da an. Seit ich ­etwa zwölf bin, kann ich meine Gottesdienst-Besuche an zwei Händen abzählen. Bei meiner Nichte, jetzt ebenfalls acht Jahre, merke ich aber, wie viel es ihr bedeutet, mit der Schule in die ­Kirche zu gehen, sich auf die Erstkommunion vorzubereiten, mit den Sternsingern durch die Straßen zu ziehen. Als ich zuletzt mit ihr einen Gottesdienst besuchte, war es beeindruckend zu sehen, wie sehr sie das alles aufgesaugt hat. Mit welcher Konzentration sie da saß und still mitsang. Vielleicht muss man dem Ganzen doch eine Chance geben.

Zeitfenster
Und so mache ich mich gemeinsam mit meiner Kollegin Katja an einem Freitagabend auf den Weg zu St. Foillan. Wie üblich gab es schon das ein oder andere Feierabendbierchen. Vielleicht nicht die besten Voraussetzungen, aber für uns ein normaler Freitag. Und wenn der Gottesdienst ins moderne Leben passen soll, sagt ja niemand, dass das nicht auch freitagstypisch nach einem Bier funktionieren kann. Und hat nicht Jesus mit seinen Jüngern auch immer ein Weinchen getrunken?

Beim Eintreten bin ich erstmal überwältigt. Die Kirchenkuppel ist in warmen Rot-Tönen angeleuchtet, überall stehen Kerzen, leise wird die Melodie von John Lennons »Imagine« gespielt. Und es ist brechend voll. Einen Sitzplatz finden wir nicht. Still stellen wir uns hinter die letzte Kirchenreihe und warten ab.

»Willkommen« steht vorne auf der Präsentation. Und das erste Mal seit vielen Jahren – und das liegt nicht an der leichten Bier-Vernebelung – empfinde ich eine Kirche nicht als einen angsteinflösenden, irgendwie unangenehmen Raum. Sondern auf seltsame Weise fühle ich mich in diesen ersten Momenten geborgen. Die Musik kommt im Übrigen von einer Band, die sich nun vorstellt und einige Lieder singt: »Breakaway« von Kelly Clarkson, »Bleib einfach stehen« von Johannes Falk. Viele Besucher singen mit.

Dann übernimmt eine Frau mit Headset die Leitung. Das lässt mich erstmal stutzen: Eine Frau in einer katholischen Kirche. Allerhand. Thema des heutigen Gottesdienstes ist »Fake News«. »Was kann man noch glauben und wem?«, fragt sie. Das Selfie eines jungen Geflüchteten, das dieser gemeinsam mit Angela Merkel gemacht hat, wird gezeigt. Dieser junge Mann wird seitdem immer wieder zu Unrecht beschuldigt, mit ­terroristischen Aktivitäten in Verbindung zu stehen. ­Eine Geschichte, die auch mich in der ­vergangenen Woche interressiert hat.

Nach einem kurzen Musikbeitrag folgt die Predigt. Thema auch hier »Fake News«. Die hält ein junger Mann, der für mich so gar nicht nach Kirche aussieht und in der Jesus eine Whatsapp-Gruppe mit seinen Jüngern hat. Bis zu diesem Moment fühle ich mich zwar nicht mehr so wohl, wie am Anfang, aber ich muss zugeben: Mir gefällt’s.

Nach der Predigt folgt ­eine zehnminütige Pause. Die Moderatorin erklärt, man könne sich segnen lassen, das Gespräch mit dem jungen Herrn suchen, der gerade gepredigt hat oder eine Fürbitte aufschreiben. Die Besucher der Kirche setzen sich in Bewegung.

Wir sind erstmal überfordert. Klar, man könnte einfach sitzen bleiben, aber einen Sitzplatz ­haben wir ja nicht. Meine Kollegin verkrümelt sich auf die Toilette. Ich versuche, nicht im Weg zu stehen.

Als sich ­alle wieder auf ihren Plätzen eingefunden haben, wird noch »Still« von Jupiter Jones und »Straßen unserer Stadt« von Ralph McTell ­gesungen. Danach geht die Kollekte rum. Man sammle für eine neue Kamera, um den Gottesdienst ins Netz übertragen zu können. Erst dürfe man sich aus dem ersten Korb eine Schokolade nehmen und in den zweiten seine Spende legen.

Als uns die Körbe unter die Nase gehalten werden, erinnert mich das doch sehr an frühere ­Besuche in Kirchen. Meiner Kollegin geht’s ­ähnlich. Als wir die Kirche verlassen, sind wir beide zwiegespalten. Irgendwie war’s schön. Bei mir ging es aber nach wie vor um die Menschen, weniger um Gott. Aber ­war es wirklich so richtig anders? Natürlich muss jeder für sich entscheiden, was ihm zusagt.

Vielleicht nehme ich beim nächsten Mal meine Nichte mit zu »Zeitfenster«. Ihr wird’s bestimmt gefallen. Und vielleicht kann sie mir dabei helfen, es auf mich wirken zu lassen. ­Abseits von Klischees und Erinnerungen. \

» zeitfenster-aachen.de

Foto: Elaine Rudolphi

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