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Bedingungslos

Zeitfenster-Annette_Christina-Rinkens

Dr. Annette Jantzen ist geistliche Leiterin des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Bistum Aachen und ­Pastoralassistentin in Aachen-Ost-Eilendorf. »Zeitfenster« ­unterstützt die Theologin in einem Ehrenamt. In einem ­Gespräch reagiert sie auf unsere Erfahrungen im »Zeitfenster«-Gottesdienst und spricht über den Glauben in der heutigen Zeit.

INTERVIEW CHRISTINA RINKENS

Wie entstand die Idee für »Zeitfenster«?
Jürgen Maubach, Gemeindereferent in der ­Aachener Innenstadt an St. Foillan, hat 2010 den Impuls für die Schaffung von »Zeitfenster« gegeben. Damit hat er in seiner eigenen Unzufriedenheit und der Sehnsucht vieler Personen Ausdruck verliehen, in Aachen eine Gemeinde zu schaffen, in der postmoderne Menschen einen neuen Bezug zum Glauben und zu Gott finden können.

Wie läuft die Gründung einer Gemeinde ab?
In Deutschland gibt es überall bereits Gemeinden. Diese Gemeinden haben örtliche Strukturen, sind also Ortsgemeinden. »Zeitfenster« und auch »Kafarnaum« (Anm. d. Red.: »Kafarnaum« ist die Hauskirche von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ebenfalls an St. Foillan angegliedert) sind Personalgemeinden, die sich über die Personen definieren, die sie erreichen möchten. Gemeinden neu zu gründen ist einfacher, als bestehende neu zu gliedern.

Wann sind Sie zum Team von »Zeitfenster« gestoßen?
Seit 2011 wird »Zeitfenster« von Jürgen Maubach, Ursula Hamann und mir in einem gleichberechtigten Team geleitet, das all unsere Aktivitäten koordiniert.

War von Anfang an klar, dass die »Zeit­fenster«-Gottesdienste in St. Foillan abgehalten werden sollen?
Die Wahl hatte zuerst praktische Gründe: Für jeden Gottesdienst haben wir viel Technik zu transportieren. Das ist hier leichter zu realisieren. Außerdem ist St. Foillan eine Kirche mit einer starken Stimmung, ein sehr spiritueller Ort.

Ähnliche Angebote in Berlin oder Essen halten ihre Gottesdienste absichtlich fernab von christlichen Räumlichkeiten in Kinos oder alten Fabrikhallen ab. Das war für Aachen keine Option?
Für uns hat sich die Frage erstmal nicht gestellt, weil es in der Innenstadt kein leerstehendes Gebäude gibt, das in Frage käme. Wir haben das Modell aber diskutiert und für uns entschieden, dass das nicht unserer Wunschform entspricht. Zumal wir mit St. Foillan einen idealen Ort in der Innenstadt haben, der auch Zufallsbesucher anlockt, wenn zum Beispiel an einem lauen Sommerabend die Kirchentüren offen stehen.

Wen spricht »Zeitfenster« an?
Vielbeschäftigte junge und ältere Erwachsene. Wir wollen ein Zeitfenster öffnen – daher auch der Name –, das gut tun darf und in dem man auch Gutes tun kann. Wir achten darauf, dass der Stil unserer Zielgruppe entspricht. Zu uns kommen Menschen, die bereits vertraut sind mit dem christlichen Glauben, die vielleicht noch zur Ersten Kommunion gegangen sind, aber den Bezug zur Kirche verloren haben. Die vielleicht sagen, »das erreicht mein Herz nicht.« Wir möchten wieder erfahrbar machen: Glauben ist erstmal mit einer bedingungslosen Zusage von Gott verbunden, für die man nicht in Vorleistung gehen muss. Die vermittelt »Du musst Dich nicht beweisen; Du bist so gewollt, wie Du bist und darfst genau so sein« – das wollen wir auch vermitteln. Wenn man dies für das eigene Leben entdeckt, liegt da eine ungemeine Kraft drin.

Wie haben Sie persönlich zum Glauben gefunden?
Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, beeindruckt hat mich aber erst ein Schulseelsorger an meinem katholischen Gymnasium. Theologie habe ich studiert, um zu wissen, was die Welt im Inneren zusammenhält. Während meiner Studienzeit in Bonn, Jerusalem, Straßburg und Tübingen war der Glaube stets automatisch ein Teil meines Lebens, im Alltag ist aber auch mir selbst die Praxis ein wenig abhanden gekommen. Deshalb ist »Zeitfenster« ein besonderer Ort für mich, den ich mitgestalten kann.

Die Ästhetik der »Zeitfenster«-Gottesdienste unterscheidet sich deutlich von der Regel. Inwiefern?
Wir wollen Gottesdienste so feiern, dass das Gefühl zu Gott wieder in Schwung kommt. Wir ändern die Form, nicht die Inhalte. Wir haben die gleiche Verkündigung, bringen sie aber beispielsweise ohne Orgelmusik und Musik aus dem 19. Jahrhundert rüber. Wir nutzen Lieder, die man aus dem Radio kennt – von Coldplay, The Cure, Von Brücken oder Kettcar – und die man entweder als Bindeglied zwischen zwei Menschen oder auch zwischen Gott und Mensch verstehen kann.

Bei dem von uns besuchten Gottesdienst war das Thema »Fake News«. Und es wurden Vergleiche zum modernen Leben mit Sozialen Medien gezogen. Ist das immer der Fall?
Der Vorwurf, Falschnachrichten zu verbreiten, ist nicht neu. Nehmen wir die Auferstehung Jesu – auch da gab es den Vorwurf, das sei alles gar nicht wahr. Wir versuchen, den Bibeltext zu erklären. In einer Sprache, die man versteht. Und unsere Zielgruppe ist sehr affin für die Neuen Medien.

Während des Gottesdienstes geben Sie den Zuhörern zehn Minuten freie Zeit. Das hat bei uns für Verwirrung gesorgt.
Wir wollen damit ein Zeitfenster schaffen, in dem man über das Gehörte nochmal nachdenken kann. Man kann einfach sitzen bleiben, der Musik lauschen; sich segnen lassen oder Gegenfragen zur Predigt stellen. Wir wollen damit den Menschen Zeit schenken. Dass Sie das so empfunden haben, nehme ich als Anregung in unser nächstes Planungstreffen mit.

Ebenso die Kollekte, mit der Geld für eine neue Kameraausrüstung gesammelt wurde, hat bei uns Verwunderung ausgelöst.
Die Kollekte haben wir erst nach einer Weile eingeführt. Wir möchten damit eine Beteiligungsmöglichkeit bieten. Und natürlich brauchen wir ab und zu auch neue Technik, die Sachen fallen ja nicht vom Himmel und kosten Geld (lacht). Wir sammeln bei jedem zweiten Gottesdienst für uns, sonst immer für eine andere Organisation. Beim nächsten Mal geht das Geld an einen Verein hier in Aachen, der sich für psychisch kranke Kinder und deren Familien einsetzt. Dass wir bei dem entsprechenden Gottesdienst nicht auf diese Abwechslung hingewiesen haben, werde ich auch als Feedback mitnehmen.

Für viele junge Menschen ist die Kirche rückständig und entwickelt sich nicht weiter. Stichworte sind hier Homosexualität, Gleichstellung von Frauen, Verhütung …
Das ist richtig und hat alles seinen berechtigten Platz in ethischen und kirchenpolitischen Diskussionen. Das ist aber nicht das Hauptthema, warum man einen Gottesdienst feiert und das sind nicht unbedingt Fragen für einen Gottesdienst. Natürlich kann man diese Fragen anders beantworten, als sie das derzeit werden. Elemente, die zeigen, dass wir eine andere Haltung gegenüber Homosexualität haben, können auch im Gottesdienst vorkommen. Wir wollen selbst auf neue Art Kirche sein, als Kirche zugänglich sein. Auch das kann Veränderungen mit sich bringen. \

» zeitfenster-aachen.de

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